Die microRNA miR-371a-3p erweist sich als viel versprechender Tumormarker bei Keimzelltumoren der Hoden

 

 

EXTERNAL GENITAL Hamburg/Bremen – mechentel news – Das klinische Monitoring von Keimzelltumoren ist auf Tumormarker im Serum angewiesen. Die herkömmlichen Tumormarker α-Fetoprotein (AFP), die β-Untereinheit des humanen Choriongonadotropin (bHCG) und Laktat-Dehydrogenase (LDH) werden allerdings nur in weniger als 60 % der Keimzelltumor-Fälle exprimiert. Die microRNA miR-371a-3p ist ein neuer Serummarker für Keimzelltumoren, der von 88,7 % der Patienten exprimiert wird und daher weitaus sensitiver und spezifischer als klassische Serummarker ist. Die microRNA korreliert dabei mit der Tumorlast und den Behandlungsergebnissen. Ziel der Arbeit von Klaus-Peter Dieckmann aus der Abteilung für Urologie am Albertinen Krankenhaus in Hamburg und Hamburger sowie Bremer Kollegen lag darin, die microRNAs miR-371a-3p, miR-372-3p, miR-373-3p und miR-367-3p auf ihre diagnostische und prognostische Validität als Biomarker bei Patienten mit Hodentumoren zu prüfen. Dazu führten die Wissenschaftler Messungen vor und nach der Behandlung des Keimzelltumors an 166 konsekutiven Patienten sowie 106 gesunden Männern als Kontrollen durch. Zunächst wurden alle vier miRNAs analysiert (die ersten 50 Patienten), in der Hauptstudie beschränkten sich die Forscher auf die sensitivste miRNA. Mittels ROC (Receiver Operating Characteristic)-Kurvenanalysen wurde die Spezifität und die Sensitivität der vier miRNAs bestimmt und mit denen der klassischen Marker verglichen. Statistische Quervergleiche der miRNA-Level bei Keimzelltumor-Patienten und Kontrollpatienten wurden zu verschiedenen Zeitpunkten während der Behandlung integriert. Die microRNA miR-371a-3p ermöglichte eine Identifikation der Patienten mit malignen Hodentumoren mit hoher Sensitivität (88,7 %; 95 % Konfidenzintervall [CI]: 82,5-93,3 %) und Spezifität (93,4 %; 95 % CI: 86,9-97,3 %) und zeigt sich somit den herkömmlichen Tumormarkern deutlich überlegen (AUC: 0,94; kombinierte Sensitivität von AFP, bHCG und LDH: 50 %). Gemäss der Kerndichteschätzungen (Kernel density estimation, KDE) entsprechen die Sensitivität 86,3 % und die Spezifität 92,5 %. Nach Abschluss der Behandlung, waren die miR-371a-3p-Level auf das Normalniveau gesunken, wobei die miRNA-Level mit dem Versagen der Behandlung oder einem Tumorrezidiv korrelierten. Bei Teratomen wird die micoRNA miR-371a-3p jedoch nicht exprimiert. Laut den Autoren, der im Februar 2017 im Fachjournal European Urology veröffentlichten Studie, ist die microRNa miR-371a-3p ein spezifischer und sensitiver neuer Keimzelltumormarker, der mit der Aktivität der Erkrankung korreliert, auch wenn eine Validierung dieser Erprobung im Rahmen einer gross angelegten Prospektivstudie noch aussteht. (ut)

Autoren: Dieckmann KP, Radtke A, Spiekermann M, Balks T, Matthies C, Becker P, Ruf C, Oing C, Oechsle K, Bokemeyer C, Hammel J, Melchior S, Wosniok W, Belge G. Korrespondenz: Klaus-Peter Dieckmann, Department of Urology, Albertinen Krankenhaus, Suentelstrasse 11a, D-22457 Hamburg, Germany. Electronic address: dieckmannkp@t-online.de. Studie: Serum Levels of MicroRNA miR-371a-3p: A Sensitive and Specific New Biomarker for Germ Cell Tumours. Quelle: Eur Urol. 2017 Feb; 71(2):213-220. doi: 10.1016/j.eururo.2016.07.029. Epub 2016 Aug 2. Web: http://www.europeanurology.com/article/S0302-2838(16)30434-1/abstract

KOMMENTAR Die klassischen, seit jeher bekannten Marker für Keimzelltumore (AFP, beta-HCG und LDH) sind trotz Vorliegen einer Erkrankung längst nicht obligat erhöht und schon gar nicht für den Tumor-Typ diagnostisch. Zudem ist die Korrelation zum Tumor-Stadium eher schwach. Trotzdem werden sie im klinischen Alltag bei verschiedenen Entscheidungen herangezogen: Staging, Risiko-Stratifikation, Chemotherapie und deren Anzahl Zyklen, retroperitoneale Lymphadenektomie, Nachsorge etc. In dieser präliminären Studie scheinen mit miR-371a-3p alle Features des perfekten Tumormarkers erfüllt: nie erreichte Sensitivität und Spezifität und strenge Korrelation sowohl mit dem initialen Stadium wie auch der Therapie-Response. Einzig beim Teratom besteht eine Einschränkung, da die microRNA hier offenbar zu wenig exprimiert wird. MicroRNAs sind dabei wie der Name schon sagt mikro, also sehr kleine Abschnitte von Ribonukleinsäuren. In der Regel resultiert eine RNA auf der abgeschriebenen DNA eines Gens. Diese RNA codiert dann für ein Protein. Nicht so bei der microRNA: diese hat einen regulativen Charakter, indem Sie die Genexpression verändern kann ohne selber für ein Protein kodierend zu sein. Und genau diese Genregulation scheint bei Keimzelltumoren im Serum stark erhöht zu sein. Ein New Kid on the Block, dass sich in gross angelegten Studien-Settings durchsetzen und so die Diagnostik und das Management des Keimzelltumors in allen Stadien revolutionieren könnte!

25. Juli 2017