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Fachverlag und Nachrichtenagentur

In zwei grossen Kohorten in den USA keine Beziehung zwischen Vasektomie und Prostatakarzinom nachgewiesen

ÄUSSERES GENITALE Rochester – mechentel news – In einer aktuellen grossen prospektiven Studie war die Vasektomie mit einem mässig erhöhten Risiko für Prostatakarzinom verbunden, insbesondere für höhergradige und tödliche Karzinome. Dennoch bleibt die Evidenzlage aus prospektiven Studien beschränkt. Eric J. Jacobs et al. von der American Cancer Society in Atlanta im Bundesstaat Georgia, USA, untersuchten daher die Beziehung zwischen Vasektomie und Inzidenz und Mortalität von Prostatakarzinomen an einer grossen Kohorte aus den Vereinigten Staaten. Dazu werteten sie die Daten von 363.726 Männern der Kohorte der „Cancer Prevention Study II“ (CPS-II) im Hinblick auf die Beziehung zwischen Vasektomie und Prostatakarzinom-Mortalität aus. Von diesen starben während des Nachbeobachtungszeitraums von 1982 bis 2012 insgesamt 7.451 in Folge des Prostatakarzinoms. Zudem wurde die Beziehung zwischen Vasektomie und Inzidenz eines Prostatakarzinoms bei 66.542 Teilnehmern der CPS-II Nutrition Kohorte, einer Untergruppe der CPS-II-Kohorte, untersucht; bei 9.133 von ihnen wurde während des Follow-ups zwischen 1992 und 2011 ein Prostatakarzinom diagnostiziert. Proportionale Hazard-Regressionsmodelle nach Cox wurden verwendet, um die Multivariablen-bereinigte Hazard Ratios (HRs) und 95-%-Konfidenzintervalle abzuschätzen. In der CPS-II-Kohorte ergab sich keine Assoziation zwischen Vasektomie und Prostatakarzinom-Mortalität (HR 1,01; 95 % KI 0,93 – 1,10). Ebenso korrelierte in der CPS-II Nutrition Kohorte die Vasektomie weder mit der Gesamtinzidenz von Prostatakarzinomen (HR 1,02; 95 % KI 0,96-1,08) noch mit der Inzidenz höhergradiger Prostatakarzinome (HR 0,91; 95 % KI 0.78 – 1.07 für Krebserkrankungen mit einem Gleason Score ≥ 8). Die Autoren fassen das Ergebnis in der elektronischen Vorabpublikation im September 2016 beim Journal of Clinical Oncology somit dahingehend zusammen, dass die Ergebnisse dieser grossen prospektiven Kohortenstudien weder für eine Beziehung zwischen Vasektomie und Prostatakarzinom-Inzidenz noch -Mortalität sprechen. (bs)

Autoren: Jacobs EJ, Anderson RL, Stevens VL, Newton CC, Gansler T, Gapstur SM. Korrespondenz: Eric J. Jacobs, PhD, Epidemiology Research Program, American Cancer Society, National Home Office, 250 Williams St, Atlanta, GA 30303-1002, USA. E-Mail: Eric.Jacobs@cancer.org. Studie: Vasectomy and Prostate Cancer Incidence and Mortality in a Large US Cohort. Quelle: J Clin Oncol. 2016 Sep 19. pii: JCO662361. [Epub ahead of print] Web: http://jco.ascopubs.org/content/early/2016/09/15/JCO.2015.66.2361.abstract

Kommentar:
Der Link zwischen Prostatakarzinom und Vasektomie stammt aus Kohortenstudien der 1990er (1). Der Epidemiologe Edward Giovannucci (der gleiche, der auch einen hohen Tomatenkonsum wegen deren Gehalt an Lycopenen zur Prostatakarzinom-Prophylaxe propagiert) hatte damals in der Health Professionals Follow-up Study ein leicht erhöhtes Risiko bzgl. Vasektomie und Diagnose Prostatakarzinom beschrieben: das relative Risiko betrug hier 1.66. Kofaktoren, nämlich ob der Patient auch in der urologischen Sprechstunde einem PSA-Test unterzogen wird, spielen dabei natürlich eine enorme Rolle. 2014 wurde dahingehend erneut das Risiko unterstrichen, nun interessanteweise auch für aggressive Prostatakarzinom (2).
Die aktuelle Studie von Jacobs et al. findet hingegen keinen Zusammenhang. Ob die Männer einen PSA-Test hatten, wurde ab 1997 erfragt. Erwähnenswert an dieser Studie ist die Tatsache, dass von der Methodik her zwei Kohorten verwendet wurden (n=363.726 in der einen Kohorte und n=66.542 Männer in der anderen), was die Power bestimmt erhöht. Ein klarer Vorteil ist der Endpunkt, nämlich nicht nur Inzidenz oder das Grading des Karzinoms, sondern die Mortalität.
Die Frage nach „Vasektomie“ wurde den Männern nicht direkt gestellt, sondern ihren Frauen (ob dies ein Vor- oder ein Nachteil darstellt, bleibt zu diskutieren). Die Schwäche der Studie liegt darin, dass Vasektomien im Verlauf methodisch nicht erfasst werden konnten. Um diesem Nachteil entgegenzuwirken, hat man hierzu Männer unter 40 Jahren ausgeschlossen, da es Daten gibt, dass die Vasektomien in den USA offensichtlich häufiger bei Männer bis zum 40. Lebensjahr durchgeführt werden als anschliessend (3). Auch hat man Subgruppen analysiert, z.B. Männer über 50 Jahren, die eine geringere Wahrscheinlichkeit gehabt haben dürften, im Verlauf vasektomiert worden zu sein.
Es erstaunt etwas, dass Kofaktoren wie zB der Diabetes mellitus und dessen Medikation, ja sogar die Familienanamnese für Prostatakarzinome (!) nicht in die multivariable Analyse mit einbezogen wurden, da diese Faktoren einen vernachlässigbaren Einfluss auf die Inzidenz des Prostatakarzinoms hätten (laut Auffassung der Autoren zumindest).
Die AUA-Guidelines (4) und EAU-Guidelines (5) nehmen Stellung zum Thema Vasektomie und Prostatakarzinom, wobei das Risiko an einem Prostatakarzinom klinisch zu erkranken von der EAU als nicht erhöht angegeben wird. Die AUA-Guidelines gehen einen Schritt weiter und empfehlen: „Clinicians do not need to routinely discuss prostate cancer, coronary heart disease, stroke, hypertension, dementia or testicular cancer in pre-vasectomy counseling of patients because vasectomy is not a risk factor for these conditions.“

(1) Giovannucci E, Ascherio A, Rimm EB, Colditz GA, Stampfer MJ, Willett WC. 1993. A prospective cohort study of vasectomy and prostate cancer in US men. JAMA 269:873-877.
(2) Siddiqui MM, Wilson KM, Epstein MM, Rider JR, Martin NE, Stampfer MJ, Giovannucci EL, Mucci LA. 2014. Vasectomy and risk of aggressive prostate cancer: a 24-year follow-up study. J Clin Oncol 32:3033-3038.
(3) Barone MA, Johnson CH, Luick MA, Teutonico DL, Magnani RJ. 2004. Characteristics of men receiving vasectomies in the United States, 1998-1999. Perspect Sex Reprod Health 36:27-33.
(4) Sharlip ID, Belker AM, Honig S, Labrecque M, Marmar JL, Ross LS, Sandlow JI, Sokal DC, American Urological A. 2012. Vasectomy: AUA guideline. J Urol 188:2482-2491.
(5) Dohle GR, Diemer T, Kopa Z, Krausz C, Giwercman A, Jungwirth A, European Association of Urology Working Group on Male I. 2012. European Association of Urology guidelines on vasectomy. Eur Urol 61:159-163.