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Beobachtung mit früher Salvage-Strahlentherapie beim pT3N0 Prostatakarzinom scheint adjuvanter Bestrahlung nicht unterlegen zu sein

PROSTATA Mailand – mechentel news – Drei prospektive randomisierte Studien zeigten widersprüchliche Ergebnisse zur Bedeutung adjuvanter Strahlentherapie (adjuvant radiation therapy, aRT) im Vergleich zu abwartender Beobachtung für das metastasenfreie Überleben und das Gesamtüberleben bei Patienten mit pT3N0 Prostatakarzinom, die eine radikale Prostatektomie erhalten hatten. Keine dieser Studien schloss systematisch Patienten ein, die eine frühe Salvage-Bestrahlung (early salvage radiation therapy, esRT) erhalten hatten. Das internationale Autorenteam um Nicola Fossati aus der Division of Oncology/Unit of Urology am Ospedale San Raffaele in Mailand, Italien, untersuchte die Hypothese, dass die aRT im Vergleich zu einem beobachtenden Regime mit anschliessender esRT mit einer besseren Kontrolle der Krebserkrankung und einem längeren Überleben verbunden sei. Dazu wurde eine multi-institutionelle Kohorte aus sieben Tertiärzentren ausgewertet. Retrospektiv wurden 510 Patienten mit pT3pN0 mit nicht nachweisbarem Prostata-spezifischen Antigen (PSA) nach radikaler Prostatektomie zwischen 1996 und 2009 identifiziert. Die Patienten wurden in zwei Gruppen eingeteilt: aRT (Gruppe 1) gegenüber Beobachtung mit nachfolgender esRT im Fall eines PSA-Rezidivs (Gruppe 2). Im Einzelnen wurde eine esRT bei einem PSA-Wert von ≤ 0,5ng/ml veranlasst. Die ausgewerteten Endpunkte waren das metastasenfreie (metastasis-free survival, MFS) und das Gesamtüberleben (overall survival, OS). Multivariable Regressionsanalysen nach Cox untersuchten die Beziehung zwischen den Gruppen (aRT gegenüber Beobachtung gefolgt von esRT) und die onkologischen Ergebnisse. Kovariaten bildeten das pathologische Stadium (pT3a gegenüber pT3b oder höher), der pathologische Gleason Score (≤ 6, 7 oder ≥ 8), der Status des Resektionsrandes (negativ gegenüber positiv) und das Jahr der Operation. Ein Zusammenhang zwischen den Gruppen und Patientenrisiken zum Ausgangszeitpunkt wurde untersucht, um der Hypothese nachzugehen, dass die Auswirkung einer aRT gegenüber Beobachtung gefolgt von esRT je nach pathologischen Charakteristika unterschiedlich war. Die Methode der sogenannten nichtparametrischen Kurvenschätzung wurde angewandt, um die Beziehung zwischen MFS und OS im Jahr 8 und das Patientenrisiko zum Ausgangszeitpunkt (abgeleitet aus der multivariaten Analyse) grafisch aufzuschliessen. Insgesamt erhielten 243 Patienten (48 %) aRT und 267 (52 %) wurden primär beobachtet. Innerhalb der letzten Gruppe kam es bei 141 Patienten zu einem PSA-Rezidiv, diese erhielten dann die esRT. Die mittlere Nachbeobachtungszeit nach der radikalen Prostatektomie lag bei 94 Monaten (Interquartilsabstand [IQR] 53 – 126) beziehungsweise 92 Monaten (IQR 70 – 136; p = 0,2). MFS (92 % gegenüber 91 %; p = 0,9) und OS (89 % gegenüber 92 %; p = 0,9) acht Jahre nach der Operation unterschieden sich nicht signifikant zwischen den Gruppen. Diese Ergebnisse wurden in den multivariablen Analysen bestätigt, nach denen Beobachtung gefolgt von esRT nicht mit einem signifikant höheren Risiko für Fernmetastasen (Hazard Ratio [HR] 1,35; p = 0,4) und Gesamtmortalität (HR 1,39; p = 0,4) im Vergleich zur aRT verbunden war. Mittels der nichtparametrischen Kurvenschätzung wurde ein vergleichbarer Anteil von MFS und OS im Jahr 8 bei beiden Gruppen beobachtet, unabhängig von den pathologischen Karzinomcharakteristika (p =0,9 beziehungsweise p = 0,7). Einschränkungen ergaben sich aus dem retrospektiven Charakter der Studie und der relativ geringen Grösse der Patientenpopulation. Die Autoren fassen in der elektronischen Vorabpublikation im Juli 2016 beim Fachjournal European Urology zusammen, dass sich im Langzeit-Follow-up keine signifikanten Unterschiede zwischen adjuvanter Strahlentherapie und Beobachtung mit früher Salvage-Bestrahlung bezüglich dem metastasenfreien und Gesamtüberleben ergaben. Obwohl sie auf retrospektiven Daten beruhe, lege die Studie nahe, dass esRT die Kontrolle der Krebserkrankung nicht beeinträchtige und möglicherweise die mit der aRT verbundene Übertherapie reduziere. (bs)

Autoren: Fossati N, Karnes RJ, Boorjian SA, Moschini M, Morlacco A, Bossi A, Seisen T, Cozzarini C, Fiorino C, Chiorda BN, Gandaglia G, Dell’Oglio P, Joniau S, Tosco L, Shariat S, Goldner G, Hinkelbein W, Bartkowiak D, Haustermans K, Tombal B, Montorsi F, Van Poppel H, Wiegel T, Briganti A. Korrespondenz: Nicola Fossati, Division of Oncology/Unit of Urology, IRCCS Ospedale San Raffaele, Vita-Salute San Raffaele University, Via Olgettina, 60, 20131 Milan, Italy. E-Mail: nicola.fossati@gmail.com. Studie: Long-term Impact of Adjuvant Versus Early Salvage Radiation Therapy in pT3N0 Prostate Cancer Patients Treated with Radical Prostatectomy: Results from a Multi-institutional Series. Quelle: Eur Urol. 2016 Jul 30. pii: S0302-2838(16)30433-X. doi: 10.1016/j.eururo.2016.07.028. [Epub ahead of print] Web: http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S030228381630433X

Kommentar:
Positiv sind in dieser Studie die „harten“ Endpunkte Metastasen-freies Überleben und Gesamtüberleben sowie das Follow-up von knapp 8 Jahren, zudem wurden ausschliesslich pT3-Tumoren eingeschlossen. Ein Nachteil ist wie erwähnt hingegen der retrospektive Charakter.
Zwei prospektive randomisierte Studien werden Aufschluss darüber geben, ob die Bestrahlung von pT3-Tumoren bereits adjuvant oder erst bei einem biochemischen Rezidiv als „Salvage“ sinnvoll ist: zum einen die RADICALS-Studie (NCT00541047) von Chris Parker sowie zum anderen die Australische/Neuseeländische RAVES-Studie (NCT 00860652). Letztere wird aber frühestens im Dezember 2021 eine erste Analyse zulassen, definitive Resultate werden dann ab Dezember 2026 erwartet. Daneben untersucht die Berner SAKK 09/10 die Salvage-Bestrahlung in einer Dosierung von 64 versus 70 Gy. Mit Etablierung des PSMA-PETs wird sich zudem womöglich die Indikation der adjuvanten Bestrahlung etwas verschieben.

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