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Ist ein Adenokarzinom der Gradgruppe 1 (Gleason-Score 3 + 3 = 6) wirklich Krebs?

PROSTATE CANCER Baltimore – Im nachfolgenden Review, welches im Journal CURRENT OPINION IN UROLOGY erschienen ist, stellt Jonathan Epstein aus den Departments of Pathology, Urology and Oncology der The Johns Hopkins Medical Institutions in Baltimore, USA, die Frage, ob ISUP Grad 1 Prostatakrebs wirklich Krebs ist bzw. als solcher bezeichnet werden sollte und versucht die entsprechenden Argumente zusammenzutragen. Die Diskussion kam erstmals durch einen im Jahr 2014 im Lancet Oncology veröffentlichten Artikel von Essermann et. al auf, in welchem diskutiert wurde, niedrigmaligne Tumore mit extrem kleinem Risiko für eine Metastasierung nicht weiter als Krebs zu bezeichnen. Als Beispiel kann die Revision der Klassifikation der Urothelkarzinome der WHO von 1998 dienen, welche gewisse low-grade Urothelkarzinome neu als papilläre Neoplasie der Urothels mit niedrigem malignen Potential (PUNLMP) einteilte. Die Angst vor dem Begriff Krebs kann Patienten zu einer aktiven Therapie verleiten. So konnte gezeigt werden, dass Patienten mit einem höheren emotionalen Stresslevel zum Diagnosezeitpunkt beim Prostatakarzinom eine aktive Therapieform einer Active Surveillance (AS) vorziehen. Eine Auswertung der SEER-Database (Surveillance Epidemiology and End Results) von 9.049 Patienten, welche die Kriterien für eine AS erfüllten, ergab, dass 68% eine aktive Therapieform wünschten bzw. erhielten. In einer Studie von Loeb et. al beendeten 20% der Patienten die AS aus nicht biologischen Gründen. Ein möglicher weiterer Grund einer tiefen Akzeptanz der AS liegt in der nicht intuitiven Skalierung der Gleason Einteilung, welche von 2-10 reicht, Gleason Score 6 allerdings den niedrigsten in der Biopsie ermittelten Wert darstellt. Ein Patient mit einem Gleason Score 6 Tumor könnte fälschlicherweise annehmen er befinde sich ungefähr auf der Mitte einer Skala, welche bis 10 reicht. 84% der befragten Patienten bevorzugen die ISUP Einteilung, welche von 1-5 reicht. 80% würden sich sicherer fühlen, eine AS zu wählen mit einem „Grade 1 Tumor“ gegenüber einem „Gleason Score 6“. Auch liegen biologische Argumente vor, Gleason 3+3=6 Tumore nicht weiter als Krebs zu bezeichnen. In keinem von 14.000 in einer kürzlichen Studie ausgewerteten Operationspräparaten mit dem entsprechenden Gleason Score konnten Lymphknotenmetastasen gefunden werden. In einer Analyse der John Hopkins Medical Institution von 1.818 Männern mit Gleason 3+3=6 Krebs starben nur 4 Männer durch den Prostatakrebs.
Der Grund, weshalb Gleason Score 6 Tumore unter dem Mikroskop als Krebs bezeichnet werden, liegt in der fehlenden Basalzellschicht und dem infiltrativen Wachstum in das umliegende Stromagewebe. Auf molekularer Ebene weisen die Tumore ebenfalls typische Krebs-Charakteristika auf, beispielsweise den Verlust des Tumorsupressors PTEN in 5% der Fälle. Das Hauptargument gegen die Deklassifizierung der Gleason 6 Tumore liegt sicherlich in der Tatsache, dass es in 20 bis 35% der Fälle zu einem Upgrading im Prostatektomiepräparat kommt. Der Autor stellt weiterhin in der Januar-Ausgabe 2022 von CURRENT OPINION IN UROLOGY fest, dass trotz MRI es nicht möglich ist, mit Sicherheit auszuschliessen, dass bei alleinigem Nachweis von Gleason 6 Tumorgewebe in Biopsien nicht auch noch höhergradiger Tumor vorliegt. (fa/um)

Autor: Epstein JI. Korrespondenz: Jonathan I. Epstein, MD, Department of Pathology, The Johns Hopkins Hospital, 401 N Broadway, Room 2242, Baltimore, MD 21231, USA. E-Mail: jepstein@jhmi.edu Studie: Is Grade Group 1 (Gleason score 3 + 3 = 6) adenocarcinoma of the prostate really cancer? Quelle: Curr Opin Urol. 2022 Jan 1;32(1):91-95. doi: 10.1097/MOU.0000000000000945. PMID: 34783714. Web: https://journals.lww.com/co-urology/Abstract/2022/01000/Is_Grade_Group_1__Gleason_score_3___3___6_.13.aspx

Kommentar

Eine interessante Zusammenstellung welche nebst den biologischen Faktoren zum Malignitätspotential auch psychologische Faktoren und deren Einfluss auf die Therapieentscheidung beleuchtet. Eventuell sollte in der Patientenberatung häufiger auf die ISUP-Klassifikation zurückgegriffen werden, um dem Patienten die Vorstellung des Malignitätspotentiales zu erleichtern. (fa/um)

Autor: Dr. med. Fabian Aschwanden, Assistenzarzt Luzerner Kantonsspital

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