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Neue Empfehlungen zur Reduzierung unnötiger Bluttests nach robotergestützter radikaler Prostatektomie

PROSTATE CANCER London – Das Team um Arjun Nathan setzte sich in der vorliegenden „Research communication“ zum Ziel, die Sinnhaftigkeit einer routinemässigen postoperativen Blutentnahme nach einer roboter-assistierten radikalen Prostatektomie (RARP) zu bewerten. Dazu haben die Forscher aus der Uro-oncology-Abteilung des University College London Hospitals NHS Foundation Trust in London, Vereinigtes Königreich, routinemässig prospektiv erhobene perioperative Daten retrospektiv von 1.040 konsekutiven Patienten analysiert, die sich zwischen 2017 und 2019 in zwei high-volume Zentren in Grossbritannien einer RARP mittels „ERAS“(enhanced recovery after surgery)-Protokoll unterzogen hatten. Im Besonderen wurden Daten zur Anordnung, Entnahme und Analyse postoperativer Bluttests erhoben. Alle Patienten wurden zumindest 30 Tage nachbeobachtet. Die Analyse ergab, dass bei 72% der Patienten, die prä-, intra- oder postoperativ einen komplett unauffälligen Verlauf hatten, dennoch routinemässig eine Blutentnahme durchgeführt wurde; bei keinem Patienten in dieser „72%-Kohorte“ entwickelte sich eine Komplikation, womit die Notwendigkeit des postoperativen Bluttests infrage gestellt wird. Im Umkehrschluss haben die Autoren Richtlinien festgelegt, nach denen ein postoperativer Bluttest jedenfalls durchgeführt werden sollte:
– Alle Patienten, die postoperativ eine Intensiv- oder Intermediate Care Überwachung benötigen.
– Schwierige Operationsumstände (Adhäsionen), EBL > 750ml, schwierige Anastomose, Darm, Blasen- oder Portverletzungen, bekannte Koagulopathie und Salvage-Operationen.
– Patienten mit kardiovaskulären Vorerkrankungen, erhöhtem NHS England National Early Warning Score (NEWS) oder Fieber, zunehmenden abdominellen Schmerzen, Übelkeit oder Erbrechen, hohe Drainagemengen, geringe Urinausscheidung, Hämaturie und auffällige Wundverhältnisse.
In der Dezember-Ausgabe 2021 der Fachzeitschrift BJU INTERNATIONAL berichteten die Autoren, dass mit einer Selektionierung der Anordnung von Bluttests, ein Rückgang der angeforderten Bluttests von 100% auf 27% erreicht wurde (p = 0,001). Zudem waren die neuen Empfehlungen mit einer Verringerung der „blutentnahme-bedingten“ Entlassungsverzögerungen von 6% auf 0% (p = 0,008) gesunken. Es wurden keine 30-Tage-Komplikationen übersehen. (cw/um)

Autoren: Nathan A, Hanna N, Rashid A, Patel S, Phuah Y, Flora K, Fricker M, Cleaveland P, Kasivisvanathan V, Williams N, Miah S, Collins J, Kelkar A, Sridhar A, Hines J, Briggs T, Kelly J, Shah N, Shaw G, Sooriakumaran P, Rajan P, Lamb BW, Nathan S. Korrespondenz: Arjun Nathan, University College London Division of Surgery and Interventional Sciences, Charles Bell House, 43-45 Foley Street, London W1W 7JN, UK. E-Mail: arjun.nathan.11@ucl.ac.uk Studie: New recommendations to reduce unnecessary blood tests after robot-assisted radical prostatectomy. Quelle: BJU Int. 2021 Dec;128(6):681-684.doi: 10.1111/bju.15511. Epub 2021 Jul 6. PMID: 34110673. Web: https://bjui-journals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/bju.15511

Kommentar

Der Einsatz von ERAS-Protokollen für RARP sieht eine schnellere Erholung der Patienten vor, bei gleicher Patientensicherheit, und senkt gleichzeitig die Kosten. Trotz der zunehmenden Anwendung von RARP und der Einführung von ERAS-Protokollen, bleibt die historische Praxis der postoperativen routinemässigen Blutentnahme weiterhin vielerorts üblich. Es gibt darüber hinaus keine nationalen oder internationale Leitlinien, die Operateure bei der Entscheidung unterstützen, ob ein Patient nach einer RARP jedenfalls einen Bluttest benötigt, weshalb häufig der Einfachheit halber routinemässig eine Blutentnahme angeordnet wird. Natürlich sollte aber die Anordnung einer Blutentnahme bei jedem Patienten indiziert sein, was in dieser Analyse in Frage gestellt wurde. Diese Publikation ist somit ein wichtiger Aufruf, die postoperative Versorgung auch in der eigenen Klinik erneut zu analysieren und möglicherweise zu optimieren. (cw)

Autor: Dr. med. Christoph Würnschimmel, Oberarzt Luzerner Kantonsspital

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